Artsy Shot: Bursting the bubble
Ein Beitrag vom Team
Executive Summary
Auf dem Blog des Psychedelika Club soll künftig verstärkt psychedelische Kultur im weiteren Sinn aufgegriffen werden: Welchen Einfluss hatten Psychedelika auf Kunst, Musik und Literatur? Was sagen Geschichtswissenschaft und Anthropologie zu Konsum und Prohibition? Gibt es eine psychedelische Philosophie oder Politik? Und und und …! Wir möchten Euch zu diesem Neubeginn einen der letzten Essays des Philosophen und (Pop-)Kulturtheoretikers Mark Fisher mit dem provokanten Titel Acid Communism vorstellen. Fisher erklärt, dass die psychedelische Kultur der 1960er und 1970er nicht bloß eine des Feierns und freier Liebe war. Sie hatte einen politischen Anspruch: auf freie künstlerische Entfaltung und vor allem auf freie Zeit. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ gewinnt Fishers Essay eine ganz neue Aktualität.
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Acid Communism wurde von Mark Fisher 2016 geschrieben und 2018 erstmalig veröffentlicht (auf Deutsch erhältlich bei der Edition Tiamat). Es handelt sich um die (unabgeschlossene) Einleitung zu einem Buch, das Fisher, der sich 2017 das Leben genommen hat, nie zu schreiben begonnen hat. Trotz der tragischen Umstände ist Fishers Text ein hoffnungsvolles Plädoyer, die frühe psychedelische Bewegung in ihrem Wunsch nach Freiheit ernstzunehmen.
Aber: LSD und Kommunismus, wie soll das passen? Wieso ist das interessant – auch für diejenigen, die sich politisch vielleicht ganz woanders verorten?
Wer war Mark Fisher?
Der 1968 geborene Mark Fisher studierte und promovierte an der Universität Warwick, wo er auch der berüchtigten Cybernetic Culture Research Unit (CCRU) um Sadie Plant und Nick Land angehörte, und lehrte bis zu seinem Tod am Goldsmith College in London. Fisher setzte sich mit einer Vielzahl philosophischer Denkschulen auseinander. Dabei lässt sich Fisher aber keiner Tradition so richtig zuordnen. Was ihn durchweg auszeichnet, ist eine lebenslange, neugierige Auseinandersetzung mit populärer Kultur:
Auf seinem Blog K-Punk finden sich Schriften zu Musikgenres wie Jungle und Punk, zu Filmen wie Terminator, Die Passion Christi oder eXistenZ oder Schriftstellern wie J. G. Ballard oder William Gibson (dem, wenn man so möchte, Erfinder des Genres Cyberpunk). Auch mischte er sich beständig in aktuelle Diskurse und Debatten ein, wie etwa in seiner Abrechnung mit der Cancel Culture in seinem Text Exiting the Vampire Castle aus dem Jahr 2013.
Auch wenn Fisher eher ein Faible für den Post Punk der The Banshees oder The Smiths hatte: Die psychedelische Kultur war für ihn besonders wichtig. Fisher setzte sich zum Beispiel immer wieder mit den Büchern von William S. Burroughs auseinander, dem bekannten Beat- Literaten, der Yagé, also Ayahuasca, in seinen legendären Yagé Letters (gemeinsam mit Allen Ginsberg) im Jahr 1963 zu weitreichender Bekanntheit verhalf.
Besondere Bekanntheit erlangte Fisher mit Capitalist Realism (2009), in dem er sich mit der wachsenden Verbreitung von Depressionen widmet, von denen er auch selbst betroffen gewesen ist. Er betrachtete Depressionen als ein politisches Problem: Der kapitalistische Realismus habe erfolgreich alle Hoffnungen darauf zerstört, dass eine andere, bessere Welt je möglich sein könnte. Im Alltag herrsche deshalb ein Gefühl der Ziel- und damit Hoffnungslosigkeit vor. Das zeige sich auch in der Popkultur. Besonders in den 2000er und 2010er Jahren gab es laut Fisher eine Retromanie, also eine Sucht nach „Retro“ (die sich bis in die 2020er fortsetzt): Die Millenials, die jetzt so zwischen 20 und 45 Jahre alt sind, hören seit Jahrzehnten dieselben lofi beats und ‚new‘ wave basslines. Die Millenials haben die 80er kopiert, und die GenZ danach die 90er. Noch vor ein paar Wochen kursierte in den sozialen Medien ein Meme, in dem die GenAlpha das Jahr 2016 romantisiert hat. Fisher nannte dies The Slow Cancellation of the Future.
Hoffnungslos? Im Gegenteil!
Müssen wir wirklich alle Hoffnung aufgeben? Arbeiten bis 85, wenn uns die Klimakrise oder eine neue Pandemie vorher nicht den Saft abdreht? In Acid Communism beantwortet Fisher die Frage mit einem klaren Nein. Denn: Die psychedelische Kultur vor über einem halben Jahrhundert hat gezeigt, dass die Geschichte auch anders hätte ausgehen können. Es spricht nichts dagegen, auch heute so optimistisch zu sein, wie die Peace & Love-Generation unserer ((Ur-)Groß-)Eltern, so jedenfalls Fisher.
Fishers Überlegungen setzen bei der Gegenkultur der 1960er Jahre an. Beat-Literatur verbreitete sich, die Hippies feierten in Woodstock zu den Klängen von Jimi Hendrix und Jefferson Airplane. Die Studierenden demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, während an den amerikanischen Küsten und in europäischen Städten Kommunen gegründet, und Happenings und freie Liebe praktiziert wurden. All dies war begleitet vom Geruch von Marihuana und den Visuals von LSD. Die psychedelische Kultur war im wahrsten Sinn des Wortes neu. Sie war nicht mal im Ansatz retro, denn so etwas gab es vorher noch nie. Die psychedelische Kultur verbreitete sich durch die sozialen Schichten und Klassen.
Das hatte, so Fisher, auch ökonomische Gründe: Der in den 1950ern und frühen 1960ern erreichte Wohlstand – Autos, Wohneigentum, Urlaub und Radio – ermöglichte es jungen Menschen, nicht die Karrieren ihrer Eltern in den Fabriken oder in Unternehmen verfolgen zu müssen. „Karrieren“, wie wir das heute so kennen, gab es sowieso nur selten. Man arbeitete mal hier, mal dort. Trotzdem waren die Menschen finanziell gut abgesichert. Diese materielle Sicherheit erzeugte ein Gefühl von Freiheit. Die Jugend der 1950er und 1960er war eine Generation, der neue und auch gänzlich abseitige Wege offenstanden. Es war eine Generation, die sich nicht mehr schämte, wenn sie „arbeitslos“ war.
Diese Jugend rebellierte gegen die Enge der damaligen Arbeitswelt. Die sah damals keineswegs rosig aus, sondern war von harter Fabrikarbeit und den ersten lähmenden Jobs in Großraumbüros geprägt. Sie rebellierten, weil die Welt doch voll war mit neuer Musik und neuen technischen, sozialen und vor allem ästhetischen Möglichkeiten, von denen sie aber nichts abbekommen haben. Der Operaist Franco ‚Bifo‘ Berardi beobachtete bei den Streiks in Turin in Italien ganz erstaunt, dass die Leute auf den Demonstrationen meistens Hippies und nicht (nur!) die gewerkschaftlich organisierten Fabrikarbeiter waren.
Acid Communism? WTF?
Aber was hat das denn jetzt mit Acid zu tun? Und warum denn dieser verstaubte, gescheiterte Kommunismus?
Fisher meint mit Communism eher etwas Utopisches. Er meint eine konsequente Demokratie: Wenn Menschen selbst und ohne Zwang zusammenkommen und bestimmen können, was sie produzieren und konsumieren möchten. „Arbeitslosigkeit“ ist dann keine Strafe, sondern die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Vielleicht halten das manche von Euch für naiv. Aber, das sollte klar sein: Mit dem Kommunismus der Sowjetunion hat das also ungefähr so viel zu tun wie die Deutsche Demokratische Republik (DDR) damals mit Demokratie.
Fisher orientiert sich also nicht an Lenin, sondern an den Lyrics des Songs Psychedelic Shack von Temptations aus dem Jahr 1969:
Millionaires, kings and queens go there to do their things
You might see anybody there, yeah
Bear skin rugs, tails and beads (ooh)
Don’t really matter what you wear
Oh you can take off your shoes, sit on the floor
Join in and be what you wanna be.
Die Begründung von Acid Communism
Die psychedelische Bewegung spricht erstmals das Bewusstsein der Menschen an: Ist die Welt, die Du wahrnimmst, eine, in der Du leben möchtest? Diese Frage stellte sie aber nicht der Elite, nicht den „millionaires, kings and queens“, sondern das ist eine Frage an alle. Es ist also eine ganz demokratische Frage. Fisher begründet das wie folgt:
- Die psychedelische Bewegung demokratisierte die halluzinogene Praxis. Psychedelika wurden auch entmystifiziert: Dahinter steckte keine geheime Magie mehr. Sie war kein Vorrecht der eingeweihten Priester, Schamanen und Gurus. Jeder konnte sie konsumieren und teilhaben. Sogar diejenigen, die keine psychoaktiven Substanzen nehmen wollten, konnten über die Massenmedien in der Bewegung mitmachen.
- Psychedelische Erfahrungen eröffneten der Jugend einen neuen Blickwinkel. Aus dem heraus wirkte der Alltag aus Schule und Arbeit bizarr und absurd. Fisher zitiert den Regisseur Jonathan Miller, dessen Film Alice’s Adventures in Wonderland 1966 von der BBC ausgestrahlt wurde:„The ordinary world appears as a tissue of Nonsense, incomprehensibly inconsistent, arbitrary and authoritarian, dominated by bizarre rituals, repetitions and automatisms. It is itself a kind of a bad dream, a kind of trance”.
- Psychedelische Erfahrung sind Grenzerfahrungen. Sie führen uns an die Grenzen dessen, was möglich ist, und teilweise auch über sie hinaus. Die Menschen sehen, dass es Mehr gibt, und vor allem, dass es Neues geben kann und geben muss!
“A new humanity, a new seeing, a new thinking, a new loving: this is the promise of acid communism”.
Psychedelika: Eine verlorene Zukunft oder ein altes Versprechen?
Fishers unvollendete Einleitung zu einem nie geschriebenen Buch liest sich wie ein „Was wäre gewesen, wenn …?“ der 1960er und 1970er Jahre:
Was wäre gewesen, hätten sich die psychedelischen Provos und Bohemians, die Gammler und Künstler mit den Arbeitenden bei BMW und Daimler zusammengeschlossen – wie beim Streik der Minenarbeitenden 1972 in UK? Was wäre gewesen, hätte die psychedelische Bewegung nicht den Weg in Esoterik und Spiritualität eingeschlagen und Bakunin statt Bhagwan gelesen?
Fisher mahnt, dass Geschichte nicht als eine Abfolge ikonischer Bilder betrachtet werden darf: Es ist nicht so wichtig, alle Textzeilen von White Rabbit zu kennen. Aber es ist wichtig, uns daran zu erinnern, dass die psychedelische Kultur mal Teil einer progressiven Bewegung gewesen ist. Die Geschichte psychedelischer Substanzen ist eine Geschichte unausgeschöpfter Potentiale. Wir tragen die Verantwortung, dieses Wissen nicht verschütt gehen zu lassen, denn diese Potentiale sind noch da. Die Erinnerung an die Vergangenheit, das Nichtvergessen, ist eine aktive Gestaltung der Zukunft.
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