Der stärkste Stoff: LSD als Waffe, Medikament und kulturelle Revolution

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Ein Beitrag vom Martin Banweg

 

Executive Summary

Norman Ohlers Buch „Der stärkste Stoff“ zeichnet die Geschichte von LSD als ein komplexes Geflecht aus Wissenschaft, Politik und Kultur nach. LSD erscheint dabei nicht nur als Rauschmittel, sondern als medizinisches Werkzeug, als potenzielle Waffe und als Motor gesellschaftlicher Umbrüche. Unser Review zeigt unter anderem auf, wie eng Forschung, Geheimdienste und Gegenkultur miteinander verwoben waren – von den Laboren bei Sandoz über die Experimente der CIA bis hin zur Hippiebewegung der 1960er Jahre. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele der heute verbreiteten Narrative über LSD zu kurz greifen oder verzerrt sind. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle psychedelische Substanzen heute spielen können: zwischen wissenschaftlicher Neubewertung, kulturellem Erbe und medizinischem Potenzial. Klare Lese-Empfehlung!

 

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„Materialschlacht im Emmental“: Von der medizinischen Naturstoffforschung zur Kriegswaffe zur kulturellen Revolution – und wieder zurück.

Norman Ohler widmet sich in Der stärkste Stoff. Psychedelische Drogen: Waffe, Rauschmittel, Medikament der Geschichte des LSD. Er rekonstruiert auf spannende und konzise Weise die personellen und institutionellen Netze, die um das Psychedelikum rangen: um es zu verbreiten oder zu verhindern, um es zu beforschen oder daraus eine Waffe zu fertigen.

„Mutterkorn bedeutet profitmaximierte Landwirtschaft. […] Auch in dieser Hinsicht hat es nix mit den Hippie-Idealen zu tun, die in den 60er Jahren mit dem LSD verbunden worden sind“ zitiert Norman Ohler den Schweizer Experten Dr. Beat Bächi. Ohlers populärwissenschaftliche Auseinandersetzung mit LSD, die er mit Der stärkste Stoff  – Psychedelische Drogen: Waffe, Rauschmittel, Medikament vorlegt, räumt auf mit einigen Urteilen und Vorurteilen, die das bekannteste Psychedelikum umgeben.

Die von Ohler gesammelten Einblicke in Archive von Novartis und Co., die personellen Netze von Arthur Stoll bis Aldous Huxley, sind in ihrem Inhalt so beeindruckend und in ihrer Form so konzise, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Ohler gelingt es, eine differenzierte, aber nie langweilige Geschichte des LSD zu schreiben, die nicht moralisiert, aber doch einen klaren politischen Standpunkt vertritt: dass der War on Drugs ein wissenschafts- und menschenfeindliches Projekt war und noch immer ist.

 

Eine Geschichte, die mehr ist als nur Rausch – warum „der stärkste Stoff“ gelesen werden muss

Der stärkste Stoff ist das zweite Sachbuch Ohlers, das sich mit der Geschichte psychoaktiver Substanzen auseinandersetzt. In Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich, erschienen im Jahr 2015, widmete sich Ohler der Forschung zu bzw. dem Gebrauch von Drogen, wie dem berühmten Amphetamin Pervitin, durch die Nationalsozialisten. Auch in Der stärkste Stoff spielen die Nazis eine tragende, wenngleich nicht die Hauptrolle. So beginnt das Buch nicht, wie man vermuten würde, in der Schweiz, sondern im zerbombten Berlin 1945: Dort versucht ein junger Arthur Giuliani, angestellt im amerikanischen Federal Bureau of Narcotics, dem florierenden Schwarzmarkt von Betäubungsmitteln Herr zu werden. Dabei stützt Giuliani sich zusehends auf die Hilfe der alten Machthaber, deren restriktive Drogenpolitik bald Vorbildcharakter für die ganze Welt annehmen soll. Doch die Nazis wirkten nicht bloß (wenngleich postum, nach ihrem Untergang) verhindernd auf die Entwicklung von LSD ein – sie förderten sie auch während der Zeit des Dritten Reichs. Doch der Reihe nach:

 

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Zwischen Labor, Krieg und Zufall

Ohler verfolgt die Geschichte des LSD von seinen Ursprüngen bis zur Gegenwart. Er kämpfte sich dabei durch die Archive der Firma Novartis (damals Sandoz), dem Arbeitgeber des berühmten Entdeckers von LSD: Albert Hofmann. Ohler beschriebt, dass Sandoz seine Forschung am Mutterkorn nicht aus Wohltätigkeit heraus, und auch nicht in psychedelischer Wahrheits- oder Sinnsuche intensivierte. Sandoz‘ Geschäftsführer Arthur Stoll und sein Chemiker Hofmann versprachen sich vom Mutterkorn eine Vielzahl profitabler medikamentöser Neuerungen: 1918 hatte Stoll aus dem Mutterkorn, das zuvor noch als hochgiftiger Schädling verschrien war, Ergotamin isoliert, und daraus ein gebärmutterkontrahierendes und blutstillendes Medikament hergestellt. Hofmanns Forschung dockte an diesen Erfolg an und übertraf ihn noch mit der Entwicklung des Medikaments Methergin. Hofmann aber suchte und versuchte es weiter. Dabei unternahm er auch Selbstversuche, von denen der berühmteste am 19. April 1943 stattfand und als bicycle day in die Geschichtsbücher einging. Ohlers Beschreibungen dieser Selbstversuche, bei denen er sich auch auf die Protokolle Hofmanns stützt, dürften zu den ulkigsten Passagen des Buches gehören.

 

Wie der stärkste Stoff überhaupt entstehen konnte

Die Spur des LSD führt aber nicht bloß auf die sonnigen Radwege am Rheinufer, sondern auch über die Grenze nach Deutschland. Geschäftsführer Stoll pflegte dort Kontakt mit Richard Kuhn, dem damals noch jungen Direktor des Kaiser Wilhelm-Instituts für Medizinische Forschung. Kuhn war in den frühen 1940er Jahren ein loyaler Nationalsozialist und forschte nicht nur an Kriegswaffen, sondern bestellte, wie Ohler anhand von Originaldokumenten zeigen kann, 5 mal 0,1 g Ergotaminnitrat, aus dem sich LSD synthetisieren ließ. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass die Nazis in Dachau auf ihrer Suche nach einem Wahrheitsserum nicht nur Meskalin, sondern auch LSD testeten.

Allerdings wurde das LSD in den Unterlagen der Nazis nie namentlich erwähnt, und die pharmakologischen Dokumente wurden noch vor den Nürnberger Prozessen im Rahmen der Operation Alsos von amerikanischen Agenten (die Central Intelligence Agency, CIA, gab es noch nicht) zum Verschwinden gebracht. Die Amerikaner wollten verhindern, dass das Wissen der Nazis über die Möglichkeiten einer Wahrheitsdroge in die Hände des neuen Feinds – der Sowjetunion – fiel. Doch auch sie selbst ahnten zunächst nicht, dass die Deutschen an LSD geforscht hatten. Erst im Laufe des Hypes um LSD in den 1950ern, als dieses zunächst als ein therapeutisches Wundermittel angepriesen wurde (wie Ohler auch zeigt: gar nicht zu Unrecht!), wurde der Harvard-Professor Henry K. Beecher, der von den Naziexperimenten wusste, auf LSD aufmerksam und ‚zählte‘ gewissermaßen ‚1 und 1 zusammen‘.

 

Vom Forschungsprojekt zur Waffe: Als der stärkste Stoff in die Hände der Geheimdienste geriet

Beecher war angefixt vom herrschenden Zeitgeist des McCarthyismus und der paranoiden Jagd nach vermeintlichen oder tatsächlichen kommunistischen Spionen und Agitatoren im Inland. Im Koreakrieg ergriff zudem die Moralpanik des brain washing die amerikanische Öffentlichkeit: Hatte China die in Korea abgeschossenen amerikanischen Piloten unter Drogen gesetzt und ihnen das Gehirn gewaschen? Allen Dulles, Leiter der neu gegründeten CIA, initiierte daraufhin mit dem Programm MK Ultra den Kampf um die Köpfe. Er versuchte, im (vermeintlichen) Wettrennen um das Wahrheitsserum schneller zu sein als die Mächte des Ostblock. Beechers Arbeiten zur Suche nach einem Wahrheitsserum, das kommunistische Agenten zum Reden bringen sollte, wurden in dem berüchtigten Projekt fortgesetzt.

Ohler widmet sich in mehreren Kapiteln der Instrumentalisierung von LSD durch die CIA während MK Ultra. Es ist ein Verdienst Ohlers, auch die Banalität dieses menschenverachtenden geheimdienstlichen Projekts zu beschreiben. Die Kapitel zu MK Ultra sind gewiss der spannendste Teil des Buches: Die Beschreibungen des psychic driving, bei welchen Menschen tage- und wochenlang unter Einfluss von LSD mit sich wiederholenden Mantras gefoltert wurden, sind ebenso furchteinflößend, wie es geradezu komisch ist, dass sich die CIA eines Magiers(!) und seiner Taschenspielertricks bediente, um nichtsahnenden Versuchspersonen (teilweise den eigenen Kollegen!) LSD zu verabreichen.

 

Gegenkultur, Freiheit und Kontrollverlust: LSD und die 60er Jahre

Einige Zweifel bleiben bei Ohlers vagen Konstruktion von Verbindungen zwischen der Ermordung John F. Kennedys und dessen möglichem Gebrauch von LSD. So spannend die Spekulationen auch sind, suggerieren sie doch zu viel Gewissheit: War JFK der CIA deshalb ungemütlich geworden, weil er, von Weed und Acid beeinflusst, den Kalten Krieg noch weiter herunterkühlen wollte?

Ohlers großes Verdienst ist es, dessen ungeachtet, auch ein Gegengift gegen allzu naive Verschwörungsmythen um MK Ultra zu bieten. Er zeigt beispielsweise, wie einfach und, wie gesagt, banal die CIA wissenschaftliche Forschung in ihre Richtung lenkte: Sie finanzierte die nichtsahnenden Forschenden einfach über neu gegründete Institute. Während jene dachten, sie würden Mittel für die Forschung an therapeutischen, medizinischen Psychopharmaka betreiben, lieferten sie en passant und ganz nebenbei Ergebnisse für die psychologische Kriegsführung.

LSD ist aber, anders, als Frank Zappa gegen die Hippiebewegung polemisierte, kein Projekt der CIA. Denn auch Programme wie MK Ultra haben nichtintendierte Nebeneffekte. Sie sind der Entropie des Sozialen ausgeliefert. Die psychedelische Katze war aus dem Sack und die Gegenkultur, die sich gegen Kleinfamilie, Lohnarbeit und Vietnamkrieg richtete, war in vollem Gang. John Lennon sagte daher spöttisch, man müsse der CIA eigentlich dafür danken, dass sie LSD in Umlauf brachte (was die CIA, und das zeigt Ohlers Buch, eigentlich auch nicht tat).

 

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Zwischen Hype und Verbot 

LSD erfreute sich also auch jenseits der amerikanischen Geheimdienste großer Beliebtheit. Ab den 1950er Jahren schoss die Zahl an wissenschaftlichen Publikationen in die Höhe: mehr als tausend(!) zwischen 1950 und 1960, wie Ohler hervorhebt. Nach einer berühmten Reportage im LIFE Magazin über Magic Mushrooms war ganz Hollywood angefixt von einem Hype um Psychedelika. Unter den prominenten Fürsprechern von LSD war etwa die Schauspielgröße Cary Grant, der seinen regelmäßigen, therapeutischen Konsum öffentlich begeistert thematisierte. Auch deshalb ist es wohl weder den Forschenden noch der Öffentlichkeit in den 1950er und frühen 1960er Jahren seltsam vorgekommen, dass Forschung an LSD und Psychedelika von neuen öffentlichen Instituten gefördert wurde – MK Ultra hin, PsyOp her.

 

Warum der stärkste Stoff seine Glaubwürdigkeit verlor

Ausführlich widmet sich Ohler der Vita des Psychologen Timothy Leary, der zu dieser Beliebtheit wesentlich beitrug. Zunächst war Leary ein Professor in Harvard. Man sagte ihm gar eine gewisse Langweiligkeit nach. Nachdem Leary mit Psychedelika in Berührung gekommen war, missionierte er begeistert Studierende, Freunde und Bekannte, und erlangte dabei zusehends den Status eines, man möchte fast sagen: LSD-Papstes. Er bestellte in seiner Euphorie 100 Gramm LSD und 25 Kilogramm Psilocybin bei Sandoz. Die anfängliche Freude bei Hofmann und seinen Kollegen schlug bald in Sorge und Zweifel um: Auf Druck der Behörden hin wurde die Bestellung schließlich gecancelt. Leary verlor bald darauf seine Professur.

Learys Eifer und seine Selbstdarstellerei, die ihn letztlich auch seinen Job kosteten, brachten selbst ihm freundlich gesonnene Kollegen gegen ihn auf. Sie fürchteten, Leary könne die wissenschaftliche Arbeit an LSD, die gerade boomte, gefährden. Sie sollten recht behalten: am 06. Oktober 1966 wurde LSD in den USA verboten. Leary trug dafür gewiss nicht alleine die Schuld; und sowieso nur eine vergleichsweise geringe. Ohler zeigt aber, wie anfällig die psychedelische Szene für Esoterik, Grifting und Scharlatanerie ist. Sie läuft immer wieder Gefahr, sich damit ins eigene Knie zu schießen und ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. Es ist bezeichnend, dass die moderne westliche bzw. nordamerikanische Kulturgeschichte des Psilocybins im 20. Jahrhundert mit einem erfundenen pseudotraditionellen Ritual und dessen Reportage im LIFE Magazin beginnt.

 

Rückkehr der Forschung: Welche Rolle LSD heute wieder spielen könnte

Im Epilog, der im Grunde ein eigenes Kapitel ist, zeigt Ohler, dass sich dieser Irrweg korrigieren lassen könnte. Dabei bedarf es keiner elitären Beschränkung des Gebrauchs von Psychedelika auf Schamanen, Priester, Intellektuelle und Philosophenkönige, wie das etwa Aldous Huxley forderte (Mark Fisher hat in Acid Communism zurecht die Demokratisierung psychedelischer Erfahrungen als einen Erfolg der psychedelischen Counter Culture der 1960er und 1970er Jahre betont). Es braucht nur eine unbefangene, aber trotzdem streng wissenschaftliche Aufklärung über Risiken und Möglichkeiten des Konsums von Psychedelika. Und hierzu wird nun wieder rege geforscht.

In der neueren psychedelischen Forschung scheint es, wie Ohler festhält, als würde LSD die 5HT2A-Rezeptoren, die besonders im Fall von Demenz angegriffen sind, wieder reaktivieren. Ohlers Buch macht Hoffnung, dass die Forschung, die an Hofmanns bahnbrechende Entdeckung anschließt, schrecklichen und tödlichen neurodegenerativen Krankheiten bald etwas entgegensetzen kann. Die autobiographischen Kapitel Ohlers über die Demenzerkrankung seiner Mutter sind nämlich von besonderer Eindrücklichkeit. Es ist zu wünschen, dass Ohler mit seiner Vermutung über die  medizinische Kraft von LSD recht behält, und für die Betroffenen von Demenz und ihre Angehörigen die „Tropfentage“ einmal anbrechen mögen.

 

Mehr als ein Buch über LSD: Warum „der stärkste Stoff“ ein Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit ist

Der stärkste Stoff beeindruckt durch die Konstruktion eines Netzes von Personen, die maßgeblich waren für den kulturellen, medizinischen und politischen Erfolg bzw. das zeitweilige Scheitern  dieses Psychedelikums. Ohler spannt einen roten Faden zwischen Stoll und Hoffman, den Nazis und der CIA, Harvard und Hippies. Daneben fasziniert Der stärkste Stoff durch eine Vielzahl eingeflochtener Anekdoten. Es dürfte vielen nicht bekannt sein, dass die Forschung mit und über LSD einen der vielen Grundsteine der modernen Neurobiologie legte: Ein Vortrag des Harvard-Professors Max Rinkel über eine Testreihe mit LSD auf der Jahresversammlung der American Psychiatric Association leistete der These einer eher biochemischen als ‚elektronischen‘ Wirkweise des Gehirns Vorschub. Auch der kurze Exkurs zu Hoffmans eigener ethnologischen Forschung (nicht, wie Ohler fälschlicherweise schreibt, ethnographischen Forschung: Das wäre sie nur, wenn Hoffman selbst dabei gewesen wäre!) über das antike Mysterienspiel von Eleusius gibt Einblicke in die Jahrtausende alte Rauschgeschichte. Und ganz nebenbei erfährt der Leser, wie schwierig und zugleich auch aufregend die Arbeit in einem Archiv eigentlich sein kann!

Ohler ist mit Der stärkste Stoff eine im besten Sinn des Wortes populärwissenschaftliche Geschichte des LSD gelungen. Auch Aficionados werden hier allerhand Neues erfahren und Altes in neuem Licht erblicken. Ohler schreibt unterhaltsam, ohne, dass es flapsig würde; kritisch, ohne zu moralisieren; aufklärend und gründlich, ohne, dass es je langweilig würde. Das dies eine klare Empfehlung darstellt, sollte außer Frage stehen!

 

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