Von Myron J. Stolaroffs „Thanatos To Eros“ zu Herbert Marcuses “Eros and Civilization” – Eine psychedelische Exploration der Kritischen Theorie.
Psychedelika erscheinen nicht allein als eskapistische Rauschmittel oder bloße Wohlfühl-Pillen. Sie erweisen sich vielmehr als ein potentes Gegenmittel zur kapitalistischen Entfremdung – fähig, unseren psychischen Panzer aufzubrechen und den Weg von gesellschaftlich erzwungener Destruktivität (Thanatos) zurück zu lebensbejahender Liebe (Eros) zu bahnen.
Es gilt aufzuzeigen, wie bedeutend es ist, dem verdrängten Schmerz der Anpassung intellektuell und kritisch zu begegnen. Zudem wird vor der aktuellen Vereinnahmung durch das System gewarnt: Wenn LSD und Co. im Silicon Valley als leistungssteigerndes „Microdosing“ für die dortige „Hustle Culture“ genutzt werden, wird ihr revolutionäres und subversives Potenzial vom Kapitalismus restlos assimiliert.
Im Zentrum steht die These, dass der Rausch als somatische Vorschule der Befreiung dienen kann. Er muss jedoch zwingend mit harter, theoriegeleiteter Gesellschaftskritik verknüpfen werden. Ohne diesen dialektisch-materialistischen Blick wird die psychedelische Renaissance wohl nie zu ihrer vollen Blüte kommen.
1. Die Zerschlagung der gespenstigen Gegenständlichkeit (Karl Marx)
Wirklicher als die vom profitsüchtigen Tauschwert diktierte, globale und entleerte Realität scheinen oft die Liebe, die Musik, die Natur, die Kunst und die Philosophie. In einer ähnlichen Liga spielen Psychedelika: In ihren höchsten Höhen und tiefsten Tiefen erscheint die Erfahrung überirdisch inkommensurabel, unverkäuflich und unschätzbar wertvoll, weil sich dort die nackte Essenz des Menschseins abspielt.
Unsinnig, unzugänglich oder tölpelhaft naiv ist dies nur vom erbarmungslosen Standpunkt der instrumentellen Vernunft, die alles Seiende auf seinen Nutzen und seine Berechenbarkeit reduziert. Es fragt sich im Grunde nur: Nutzen für wen – und für was?
„Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um Herr zu werden, und weiß nicht, daß das nur eine Phantasie ist, erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen des Herrn.“ (Franz Kafka)
Es kommt nicht von ungefähr, dass alles, was aus der Reihe tanzt – das Einzigartige, Unangepasste und Nicht-Identische, von unserer kapitalistischen Realität abgewiesen, erniedrigt und zestört wird. In einer Welt, die nur noch nach Effizienz sowie Kosten-Nutzen-Kalkulationen funktioniert, kann der Konsum von Psychedelika wie ein Gegenmittel wirken.
Sie sind potenziell in Lage, den gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang – also den kollektiven Schleier, der uns die jetzigen Zustände als alternativlos verkaufen will – für kurze Augenblicke zu durchbrechen.
Denn unsere bürgerliche Gesellschaft ist als reines System der Kapitalverwertung das, was der Soziologe Hans-Georg Reichelt ein „System absoluter Verkehrung“ nennt: Nicht die Wirtschaft dient dem Menschen, sondern der Mensch der Wirtschaft. Wir lassen uns zu bloßen Objekten einer blind und mechanisch ablaufenden Profitdynamik herabwürdigen und sperren uns selbst strukturell vom echten Leben aus, nur um irgendwie unsere Rechnungen bezahlen zu können.
Was uns dabei wie eine unabänderliche Naturgegebenheit erscheint – als sei der Kapitalismus quasi auf Bäumen gewachsen, ist in Wahrheit eine „gespenstige Gegenständlichkeit“ (Karl Marx). Es ist ein von Menschen gemachtes System, das sich verselbstständigt hat und nun hinter dem Rücken der Akteure sein Unwesen treibt.
Das Tragische daran ist, dass wir dieses System längst verinnerlicht haben: Mit unserer alltäglichen Realitätsprüfung, die komplett vom wirtschaftlichen Wertgesetz geprägt ist, verkörpern wir für gewöhnlich genau diese unwahre, gefühlkalte Form der Gesellschaft.
Am Ende bleibt eine bewusstlose Sozietät, die paradoxerweise davon lebt, dass alle durch alle vom Genuss der wirklich nützlichen Dinge des Lebens ausgeschlossen werden – und dafür permanent das lebendige Leben abtöten. Klimakrise und Hungersnöte sind nur einige wenige offensichtliche Beispiele hierfür.
2. Von Thanatos zu Eros: Die Aufhebung des historischen Triebverzichts nach Marcuse
Stolaroffs Buch „Thanatos To Eros“ beschreibt die psychedelische Reise als einen Durchbruch durch die Schichten von Angst und Trauma, hin zu Liebe und Lebensbejahung. Dieses Modell spiegelt erstaunlich nah die Grundthesen von Herbert Marcuses Werk „Eros and Civilization“ wider.
Marcuse argumentiert im Anschluss an Freud, dass die Zivilisation auf einem permanenten Triebverzicht und der Unterdrückung der inneren Natur beruht. Die kapitalistiche Gesellschaft erzwingt die Unterwerfung des Eros unter das Leistungsprinzip, wodurch die blockierte Lebensenergie unweigerlich in Aggression und Destruktivität – den Todestrieb (Thanatos) – umschlägt.
Bringen wir Stolaroff und Marcuse zusammen, erhalten wir eine kraftvolle Hypothese: Psychedelika können diesen psychischen Panzer temporär durchbrechen. Sie können den Eros freisetzen, was ein somatisches Aufbegehren der verdrängten Natur gegen jene blinde Naturbeherrschung bedeutet, die das Subjekt sich selbst im Namen zweckrationaler Selbsterhaltung antut.
3. Die Durchquerung des Schmerzes: Wider die Identifikation mit dem Aggressor
Stolaroff betont die Notwendigkeit, sich dem Schmerz und dem eigenen „Schatten“ zu stellen. Dies steht im Einklang mit der Kritischen Theorie, die vor falscher, eskapistischer Versöhnung warnt. Die bürgerliche Gesellschaft zwingt die Individuen in eine ohnmächtige Anpassungstechnik, die psychologisch zumeist durch eine Identifikation mit dem Aggressor verarbeitet wird: Das Subjekt redet sich ein, die erlitte Unterdrückung sei richtig und unabänderliche Naturgegebenheit.
Wahre Erkenntnis erfordert jedoch zwingend, das Leiden an der verdinglichten Welt ungefiltert zuzulassen, denn: „Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit“ (Theodor W. Adorno).
Psychedelika sind demnach keine „Wohlfühl-Pillen“ für den Eskapismus, sondern
4. Die Gefahr der Repressiven Entsublimierung heute
Marcuse warnte allerdings ausdrücklich vor der repressiven Entsublimierung. Das bedeutet: Wenn sexuelle oder psychische Energien freigesetzt werden, während das gesellschaftliche Herrschaftssystem unangetastet bleibt, wird diese Befreiung zu einer bloßen Anpassungstechnik.
Die Triebbedürfnisse werden in gesellschaftlich aufbauenden Formen kanalisiert, was den Organismus lediglich darauf präpariert, das Gebotene spontan hinzunehmen.
Wenn Psychedelika im Silicon Valley zum sogenannten „Microdosing“ für deren „Hustle Culture“ genutzt werden, um die Leistungsfähigkeit zu steigern, oder in der Medizin primär der Wiederherstellung der Arbeitskraft dienen, verfehlen sie ihr emanzipatorische Potenzial restlos.
Die vermeintliche Droge wird dann vom instrumentellen Verstand assimiliert, der ausnahmslos alles – auch das ehemals Subversive – zu Mitteln der Profitmaximierung degradiert.
5. Psychedelika als somatische Vorschule der Gesellschaftskritik
Um einen echten Wandel zu bewirken, muss das Stolaroffsche Modell politisiert und mit der materialistischen Herrschaftskritik verschränkt werden. Der Rausch allein schafft keine neue Gesellschaft, da die Herrschaft des Kapitals kein bloßes Bewusstseinsphänomen ist, sondern auf dem objektiven Mechanismen der „Realabstraktion“ (Sohn-Rethel) im Warentausch basiert, der sich von den Individuen verselbstständigt hat.
Aber der Rausch kann als Vorschule der Kritik fungieren: Er lässt das Subjekt Kategorien der Nicht-Identität, der objektiven Möglichkeit von Freiheit und der mimetischen Anschmiegung physisch erfahren.
Ein kritisch reflektierter Umgang mit Psychedelika begreift den Rausch als existenziellen Zündfunken. Die durch ihn freigelegte Sensibilität muss jedoch zwingend in die harte, theoriegeleitete Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse übersetzt werden – als existenzielle Notwehr gegen ein System, das durch abstrakte Wertverwertung das lebendige Sein erstickt.
6. Ausblick: Anstrengung des Begriffs in der psychedelischen Renaissance
Die aktuelle Psychedelische Renaissance birgt ein enormes Potenzial, aber auch die große Gefahr der Regression. Ohne die harte intellektuelle Arbeit und die „Anstrengung des Begriffs“ verkommt das psychedelische Erlebnis zum bloßen Narzissmus oder schlägt in irrationale Mythologie um.
Nur wenn wir den utopischen Überschuss der Rauscherfahrung mit der unerbittlichen Analyse der ökonomischen und psychologischen Strukturen verknüpfen, können wir verhindern, dass diese Renaissance vom Kapitalismus bloß als weitere konformistische Konsumform aufgesogen und gegen uns gewendet wird, um uns auf einer neuen Intensitätsstufe zu entmündigen.